July 10, 2026

Viele Eltern kennen dieses leise Bauchgefühl: Etwas an der Art, wie das eigene Kind lernt, fühlt sich anders an, anstrengender und mühsamer, als es bei anderen Kindern zu sein scheint. Gerade rund um die Einschulung tauchen solche ersten Fragen häufig auf, oft noch ganz vorsichtig und unausgesprochen.
Bei sogenannten Kann-Kindern, also Kindern, die mit knapp sechs Jahren eingeschult werden können, aber nicht müssen, lohnt sich ein besonders genauer Blick auf den Schulstart. Der Übergang in die Schule ist für jedes Kind eine große Entwicklungsaufgabe: Konzentration, Feinmotorik, Sprachverständnis und soziale Reife müssen zusammenspielen. Fällt dieser Start schwerer als erwartet, zeigen sich oft schon erste zarte Hinweise auf mögliche Lernschwierigkeiten, lange bevor eine formale Diagnostik überhaupt zur Sprache kommt.
Häufig äußert sich das zunächst unspezifisch: Tränen vor den Hausaufgaben, wenig Freude am Lesenlernen, ein Kind, das sich im Vergleich zu Gleichaltrigen zunehmend unsicher fühlt. Solche Signale sind ernst zu nehmen, auch wenn sie sich anfangs leicht anders erklären lassen, etwa mit dem Alter, der Tagesform oder der neuen Umgebung.
Eine Lese-Rechtschreibschwäche zeigt sich selten von einem Tag auf den anderen deutlich. Typische Hinweise können sein:
Aus meiner Erfahrung im Schulalltag und in der lerntherapeutischen Praxis weiß ich: Nicht jede Lehrkraft ist im Umgang mit Neurodivergenz und Teilleistungsstörungen gleichermaßen geschult. Umso wertvoller sind jene Lehrkräfte, die genau hinschauen, die Anzeichen ernst nehmen und aktiv das Gespräch mit den Eltern suchen. Ihre Einschätzung beruht in der Regel nicht auf einem Bauchgefühl allein, sondern häufig auf der Abstimmung im multiprofessionellen Team der Schule.
Wenn eine Lehrkraft oder Fachkraft eine Diagnostik empfiehlt, ist das kein Grund zur Sorge, sondern eine Chance. Eine fundierte Testung auf LRS, Dyskalkulie oder ADHS schafft Klarheit, für die Familie ebenso wie für das Kind selbst. Je früher eine mögliche Teilleistungsschwäche erkannt wird, desto gezielter kann unterstützt werden, und desto eher lassen sich negative Lernerfahrungen und ihre Folgen abmildern.
Eine LRS oder eine Dyskalkulie lässt sich in der Regel nicht mit gewöhnlicher Nachhilfe auffangen. Nachhilfe ist eine wertvolle Unterstützung, wenn der Unterrichtsstoff in einem Fach punktuell schwerfällt oder ein Kind Stoff durch Abwesenheit verpasst hat. Nachhilfelehrkräfte bringen meist fundierte fachliche und pädagogische Expertise mit.
Lerntherapie setzt an einem anderen Punkt an: Sie betrachtet die Situation des Kindes ganzheitlich und verbindet fachliche und pädagogische Arbeit mit therapeutischen Ansätzen. Kinder mit Teilleistungsstörungen oder Neurodivergenz haben häufig Schwierigkeiten, sich für mühsame, aus ihrer Sicht nicht dringende Aufgaben zu motivieren. Nicht selten haben sie bereits negative Lernerfahrungen gemacht, die zu belastenden Selbstzuschreibungen führen können, bis hin zu Lernverweigerung oder Schulangst. Lerntherapie nimmt genau diese emotionale Dynamik ernst und bezieht sie gezielt in die Förderung mit ein.
Viele Eltern sorgen sich, ihr Kind könne sich durch eine Diagnose als „anders“ empfinden oder einen „Stempel“ bekommen. Diese Sorge ist verständlich und ernst zu nehmen. Die Erfahrung aus der lerntherapeutischen Praxis zeigt jedoch: Kinder nehmen sich häufig ohnehin als „anders“ wahr, sobald der Schulalltag nicht mehr rund läuft, unabhängig davon, ob eine Diagnose vorliegt oder nicht. Ohne eine fachliche Einordnung bleiben solche inneren Zuschreibungen oft unklar und schwer greifbar.
Eine gute Diagnostik bietet dagegen eine sachliche, empathische und faktenbasierte Erklärung: Sie hilft dem Kind und den Eltern zu verstehen, warum manche Dinge nicht so leicht gelingen wie bei anderen, und öffnet damit den Weg zu passender Unterstützung statt zu Selbstzweifeln.
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